Pranayama im Kundalini Yoga

 

 

Pranayama im Kundalini Yoga – Verbindung von Atem und Achtsamkeit


 

„Du lebst durch deinen Atem, du bist ein Produkt deines Atems und die
Realisation deiner Ziele geschieht durch deinen Atem. In dem Moment, da du
wirklich mit deinem Atem verbunden bist, strömt das Universum in dich hinein.“

(Yogi Bhajan)

 


Kundalini Yoga, 1968 von Yogi Bhajan in den Westen gebracht, ist das Yoga der
Bewusstheit für Menschen, die mitten im Leben stehen, denn es hilft, die
täglichen Anforderungen tatkräftig, gelassen und besonnen zu meistern. Das Ziel
dieser Sensibilitäts- und Selbstschulung ist die nachhaltige Balance von Körper,
Geist und Seele durch alle Aspekte des Yoga: Haltung, Bewegung, Konzentration,
bewusste Atemführung, Meditation sowie gesunde Lebensführung. Durch die
Verbindung dieser Elemente führt Kundalini Yoga auf einzigartige Weise zu einer
bewussten Wahrnehmung, einem belastbaren Körper und einem klaren Geist.
Dabei stellt Atmung ein fundamentales Werkzeug im Kundalini Yoga dar.


Atmen bedeutet, in Austausch mit der ganzen Welt und allem Sein zu stehen,
sich in grundlegender und lebenserhaltender Weise zu verbinden. Auf andere
Formen der wechselseitigen Beziehung mit der Welt wie Nahrung, Licht, Wasser
können wir mindestens einige Tage verzichten – ohne zu atmen sterben wir
binnen Minuten.

 


Yoga der Achtsamkeit
Der Atem hat eine doppelseitige Natur: Er ist sowohl grob als auch subtil, er ist
„meins“ und „nicht meins“, automatisch und bewusst zugleich. Der Kundalini Yogi
betrachtet den Atem und dessen Bewegungen als Verbindung zu den
Bewegungen aller Emotionen und Gedanken. Mit anderen Worten: der Kundalini

Yogi entwickelt Achtsamkeit gegenüber seinem Atem und seinem Lebensgefühl.


Bewusstheit des Atems beginnt damit, anzuerkennen, dass die Atmung einerseits
den physischen Aspekt umfasst – die Versorgung des Körpers mit Sauerstoff -
und andererseits die subtile Lebenskraft von Körper und Geist, die wir Prana
nennen. Prana ist die allem Leben zugrunde liegende Kraft, die formbildende
Komponente allen Seins, die subatomare Energie. Prana ist Bewegung und Code
der Lebensenergien, die durch Körper und Geist fließen, und manifestiert sich als
Schwingung. Prana ist nicht Kundalini. Kundalini, abgeleitet von Kundal (Locke
im Haar des Geliebten), ist eine Ausstrahlung der Seele, die Öffnung von
Seelenenergie und Bewusstheit.


„Am Anfang war das Wort“ bedeutet „Am Anfang war Schwingung“ und so stehen
Prana, Atem und Schwingung stehen in enger Beziehung. Sie bilden die Basis
aller Dinge und gestalten Form und Richtung des Lebens. Sie regieren unsere
Kommunikation und die Beziehungen zu uns selbst und anderen. Wenn wir diese
Kräfte anschirren können, indem wir Atem und Klang meistern, können wir unser
Leben und unser gesamtes Potenzial kreativ lenken.

 


Pranayama ist Energiemanagement
Hier setzt Pranayama an, die verfeinerte Kunst und Beherrschung des Atems:
Kontrolle der Bewegung des Pranas durch Atemtechniken. Meistens wird
Pranayama mit Beherrschung (Yama) des Atems (Prana) übersetzt. Es gibt
jedoch eine alternative Übertragung: Pran heißt erste Einheit und Ayama
bedeutet Ausdehnung. Demnach dehnen wir mit Pranayama die erste Einheit, die
Energie des Samens aus. Eine geringfügige Änderung in der Schwingung des
Samens kann unser gesamtes Universum verändern.


Dem Kundalini Yogi steht eine breite Auswahl von Pranayama Techniken zur
Verfügung. Rhythmus und Tiefe des Atems werden variiert, um verschiedene
Energiezustände von Gesundheit, Bewusstheit und Emotion zu beeinflussen und
zu managen. Der Geist folgt dem Atem, daher liegt der Schlüssel zur Kontrolle
des Geistes in der Kontrolle des Atems. Unterstützend werden aus dem
Gurmukhi stammende Mantras gebraucht: oftmals wird der Übende aufgefordert,
Sat (Wahrheit) beim Einatmen und Nam (Name, Identität) beim Ausatmen zu
denken. Sat Nam ist ein Saatmantra und bedeutet frei übersetzt „Ich bin
wahrhaftig“.

 


Langer tiefer Atem schließt die Verbindungstür auf
Erste und grundlegende Atemtechnik ist der lange tiefe Atem, der uns in Einklang
mit uns selbst und dem Universum bringt. Beim Einatmen bewegt der
Nabelpunkt sich nach außen, wir „weiten“ uns zu den Seiten, indem der
Brustkorb sich ausdehnt, und beim Ausatmen bewegen Nabel und Beckenboden
sich nach innen und oben, dabei werden wir „länger“. Yogischer Atem benutzt
auf körperlicher Ebene die gesamte Lungenkapazität: den unteren Bereich
(Bauchatmung), den mittleren Part (Brustkorbatmung) und den oberen Teil
(Brustbein). Das bewusste und korrekte Erlernen des dreiteiligen Atems in einer
fließenden Einheit in Verbindung mit mentalem Fokus und innerem Mantra ist
Basis von Kundalini Yoga.


Langer tiefer Atem hat eine Vielzahl positiver Effekte, z. B. entspannt und
beruhigt er aktiv, reinigt das Blut und reguliert den ph-Wert des Körpers,
wodurch wir in belastenden Situationen klarer handeln können. Langer tiefer
Atem vermindert Unsicherheit und Angst und wirkt antidepressiv. Er fördert
Gesundheit und Vitalität, kontrolliert Stimmungen, entwickelt Konzentration und
bewirkt ein Gefühl des Verbundenseins. Von allen positiven Veränderungen, die
ein Mensch durchlaufen kann, ist das Erlernen des langen, tiefen und
vollständigen Atems wohl am effektivsten, um ein höheres Bewusstsein zu
entwickeln und Gesundheit und Vitalität zu steigern.


Natürlicher, langer tiefer Atem fließt durch die Nase, welche die Luft filtert,
erwärmt und befeuchtet und durch die Nasenlamellen besonders viel Prana
aufnimmt. Verbunden ist das linke Nasenloch mit dem Nadi Ida (Mondseite,
intuitive und emotionale Anteile) und das rechte mit Pingala (Sonnenseite,
rationale und intellektuelle Aspekte). Langer tiefer Atem wird in verschiedenen
Positionen und während vieler Übungen praktiziert, zumeist mit gerader
Wirbelsäule, Konzentration auf dem dritten Auge und stillem Mantra Sat Nam.

 


Atemgeschwindigkeit und Bewusstseinszustand
Normalerweise atmen wir 16 bis 20 Mal pro Minute, unter Stress noch häufiger
und flacher. Bewusst die Anzahl der Atemzüge pro Minute zu verringern und ihre
Tiefe und Vollständigkeit erhöhen, ist nach der Kundalini Yoga Philosophie
lebensverlängernd, denn jedem ist eine bestimmte Anzahl Atemzüge gegeben.
Bei acht Atemzügen pro Minute fühlen wir uns entspannter, Stress fällt ab und
geistige Aufmerksamkeit steigt; das parasympathische Nervensystem wird
beeinflusst und Heilungsprozesse beschleunigt. Bei nur vier Atemzügen werden
positive Veränderungen der geistigen Funktion beobachtet, intensive Achtsamkeit
und Klarheit erfahren, gesteigerte körperliche Sensitivität und ein meditativer
Bewusstseinszustand.

 


Eine Kundalini Yoga Meditation heißt „One Minute Breath“:
In aufrechter Sitzposition (einfache Haltung oder Fersensitz) bringen wir die
Hände in Gyan Mudra zusammen. Konzentration beim Dritten Auge, Sat beim
Einatmen, Nam beim Ausatmen denken. Zur Vorbereitung nehmen wir einige
lange tiefe Atemzüge mit Betonung des Ausatmens, um mehr und mehr
Kohlendioxid auszublasen. Der Grund: Das Gehirn reagiert mit dem Befehl des
Einatmens, wenn der Kohlendioxidpegel im Blut zu hoch wird, nicht wegen eines
Sauerstoffverlustes. Daher liegt der Schlüssel, um den Atem länger halten zu
können, darin, den CO2-Gehalt abzusenken.
Dann atmen wir 20 Sekunden ein, halten den Atem 20 Sekunden und atmen 20
Sekunden aus. Dies bewirkt eine optimierte Zusammenarbeit der Gehirnhälften,
dramatische Beruhigung von Angst, Furcht und Sorgen. Die eigene Präsenz wird
absolut wahrgenommen und die Intuition gesteigert. Diese Meditation machen
wir bis zu 11 Minuten lang, am besten täglich und für mindestens 40 Tage.

 


Energiebooster Feueratem
Feueratem (Agni Pran) ist eine fundamentale Atemtechnik im Kundalini Yoga, die
viele Positionen begleitet. Es ist eine schnelle (zwei bis drei Atemzüge pro
Sekunde), rhythmische und kontinuierliche Nasenatmung, bei der Ein- und
Ausatmen gleich stark betont sind. Beim Ausatmen werden Nabelpunkt und
Solarplexus kraftvoll zur Wirbelsäule gezogen, beim Einatmen entspannen die
oberen Bauchmuskeln, das Zwerchfell dehnt sich nach unten aus und der Atem
strömt ohne Anstrengung ein. Rippen und Brustkorb bleiben angehoben und
locker. Feueratem ist, korrekt ausgeführt, sehr reinigend und energetisierend. Er
dehnt die Lungenkapazität aus, stärkt das Nervensystem, erhöht die Vitalität,
erhöht die körperliche Ausdauer, wirkt immunstärkend und fördert den neutralen
Geist. Übrigens – eine Sequenz Feueratem gilt wie ein Atemzug.


Häufig wird der Feueratem mit anstrengenden Durchhalteübungen verbunden, z.
B. mit dem „Ego Eradicator“, bei dem in einfacher Haltung die Arme mindestens
drei Minuten lang in einem 60 Grad-Winkel nach oben ausgestreckt werden oder
mit der „Streckposition“ (Aus der Rückenlage die Beine 15 cm vom Boden
gestreckt halten, Kopf und Schultern vom Boden lösen, Arme gestreckt, Blick zu
den Zehen.)

 


Anfangsübung Feueratem
In aufrechter Sitzhaltung bringen wir die Hände in Gebetsposition vor der Brust
zusammen, schließen die Augen zu 9/10 und rollen die Augen hoch, um das
Dritte Auge zu fixieren. Wir machen ein bis drei Minuten Feueratem, wobei wir
uns mental auf das Ausatmen konzentrieren. Einatmen, den Atem zehn
Sekunden halten, entspannen. Ganz still legen wir die Hände auf die Knie in
Gyan Mudra und beobachten drei Minuten lang den natürlichen Atemfluss und
den konstanten Strom innerer und äußerer Eindrücke. Tief einatmen,
entspannen. Drei bis fünfmal alles wiederholen.


Wie in anderen Yogaarten gibt es auch beim Kundalini Yoga weitere
Atemübungen wie die linke und rechte Nasenlochatmung, die alternative
Nasenatmung (Nadhi Sodhan), geteilte Atemformen sowie spezielle Atmungen
wie Sitali Pranayam (Atmung durch die gerollte Zunge ein, Nase aus), Vatskar
Pranayam (Luft „schlürfen“), Löwenatmung (kraftvolle Mundatmung mit weit
herausgestreckter Zunge), Kanonenatmung (Feueratem durch den Mund) und
andere. Pranayama kann einzeln praktiziert werden, ist jedoch oft in
Übungsreihen (Kriyas) integriert. Die bewusste Atmung unterstützt die Positionen
und Bewegungen und formt gemeinsam mit den anderen Faktoren ein
umfassendes Übungssystem: der Körper (durch Haltung und Bewegung), der
Geist (durch Konzentration und Mantra) und die Seele (durch die Atmung)
werden gleichermaßen angesprochen.

Daher ist Kundalini Yoga ganzheitlich im ursprünglichen Wortsinne.

 

 

 

 

 

Pranayama im Kundalini Yoga
Pranayama im Kundalini Yoga
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© Eva Pawlas